Hingabe statt Zwang
Hingabe statt Zwang.
Fokus auf den dominanten Part.
Vertrauen als Basis.
Loslassen statt Kontrolle.
Fallenlassen ist der Zustand, in dem Sub nichts mehr hört und sieht außer ihrem Dom. Wenn die Ohren verschlossen und die Augen verbunden sind – der Zustand, in dem sie nichts mehr fühlt außer den Dingen, die Dom mit ihr macht. Sub besteht in dem Augenblick nur noch aus Gefühl und empfängt nur, was Dom in ihr auslösen möchte. Sie denkt über nichts mehr nach, wägt nichts ab, entscheidet nichts, stellt nichts in Frage. Sie überlässt sich ganz seinem Empfinden.
Dynamiken in einer von Domination und Submission (D/S) geprägten Beziehung sind etwas sehr Faszinierendes. Zu erleben, wie sich die Körperhaltung, das Verhalten eines Menschen, seine gesamte Mimik durch einen Blick, ein Wort oder eine einzige Handlung verändert und eine Facette der eigenen Persönlichkeit dadurch sichtbar zum Vorschein bringt, ist unbeschreiblich schön. Es ist eine Wechselwirkung, die stattfindet. Zwei Menschen, die wie bei einem Tanz synchron ihre Rollen einnehmen und sich damit gegenseitig bestärken und wie eine Schaukel auf einem Jahrmarkt gegenseitig in ungeahnte Höhen katapultieren.
Es wird sicherlich Menschen geben, die dieser Spielart wenig bis keine Beachtung schenken. Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, Vorlieben auch im fortgeschrittenen Alter neu zu entdecken und erkunden zu wollen. Einmal freigelegt und an die Oberfläche gebracht, kann die neu gewonnene Erkenntnis über eine weitere Persönlichkeitsfacette ungeahnte Folgen haben. Plötzlich sind da diese Fragen im Kopf. Sie schwirren umher und können mal laut, mal leise sein.
„Warum bin ich so?“, „Warum gefällt mir das?“, „Wieso stehe ich darauf?“
Möchten wir uns diesen Fragen aus einer neuen Perspektive nähern, werfen wir dazu einen Blick auf die psychischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe. Dabei ist stets zu beachten, dass dies keine Erklärung für die Entstehung einer sexuellen Vorliebe ist. Vielmehr kann es uns helfen zu verstehen, wieso manche Handlungen, Dynamiken und Beziehungen eine entsprechend positive Wirkung auf uns haben, obwohl sie im ersten Moment für ungeschulte Augen einen bizarren Eindruck hinterlassen. Das Modell der psychischen Grundbedürfnisse kann daher ein hervorragender Ansatz sein, einer außenstehenden Person näherzubringen, wieso es ein herrliches Gefühl ist, als Sub vor dem eigenen Dom zu knien und seinen Worten Folge zu leisten.
Was hat besagter Klaus Grawe überhaupt für ein Modell entwickelt?
Prof. Dr. Klaus Grawe war ein deutscher Psychologischer Psychotherapeut und Hochschullehrer. Dem Kernprinzip seiner Konsistenztheorie nach strebt das menschliche Gehirn nach Konsistenz. Ein Zustand hoher Konsistenz, in dem alle gleichzeitig ablaufenden neuronalen und psychischen Prozesse harmonisch zusammenpassen und sich nicht widersprechen, fühlt sich gut an und bedeutet nach Grawe psychische Gesundheit. Das Kernstück seiner Theorie bilden die vier psychologischen Grundbedürfnisse, die wir uns jetzt näher ansehen werden, um nicht zu tief in die Gesamttheorie abzudriften – auch wenn es spannend und lesenswert wäre.
Die vier psychologischen Grundbedürfnisse sind:
• Orientierung und Kontrolle
• Bindung
• Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
• Lustgewinn und Unlustvermeidung
Wie können diese vier Grundbedürfnisse mit Aspekten und Präferenzen des BDSM zusammenhängen? Hierfür schauen wir in jedes einzelne dieser Grundbedürfnisse und bringen es in einen entsprechenden D/S-Kontext.
Orientierung und Kontrolle
Das Bestreben, die eigene Umwelt zu verstehen, Abläufe vorhersagen zu können, zu antizipieren und das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. Dies scheint aus der Perspektive einer devoten, submissiven Person ein Widerspruch zu sein und nicht mit dem Grundbedürfnis zusammenzupassen. Doch ein näherer Blick zeigt, wie gut sich dieses Bedürfnis mit dem Ausleben der devoten Seite deckt.
Die submissive Rolle schafft es paradoxerweise, durch das bewusste Abgeben von Kontrolle Entlastung zu erleben. Durch die Kommunikation eigener Vorlieben, Grenzen und auch Tabus wird ein Handlungsrahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich die dominante Person bewegen darf. Auf diese Weise behält der devote Part einen nicht unerheblichen Anteil an Kontrolle, ohne die Bürde, diese aktiv zu erlangen. Es ist die Freiheit, sich fallen zu lassen und darauf vertrauen zu können, dass die eigenen Grenzen eingehalten werden.
Bindung
Dies ist der Wunsch nach tiefgehenden emotionalen Beziehungen zu wichtigen Bezugspersonen. Darin enthalten sind die Gefühle von Nähe, Sicherheit und auch Zugehörigkeit.
Ein charakteristisches Merkmal einer D/S-Beziehung, das von vielen Paaren geschildert wird, ist die enge Bindung beider Partner zueinander. Nicht die Praktiken stehen im Vordergrund, sondern ein zutiefst bindungsorientiertes Geschehen und Erleben, welches auf einem gemeinsamen Konsens beruht.
Sich vom Partner fesseln zu lassen oder gar (Lust-)Schmerzen ausgesetzt zu sein, erfordert ein hohes Maß an Vertrauen in die andere Person. Dieses Vertrauen geht oftmals weit über ein Maß hinaus, welches wir anderen Menschen in unserem Umfeld entgegenbringen. Das gemeinsame Erlebnis fördert die Bindung zueinander und schweißt zusammen.
Auch das Aftercare, die Nachsorge, das gemeinsame Verarbeiten einer Session, das anschließende Kuscheln, eventuelles Trostspenden und Füreinander-da-Sein bedient dieses Bindungsbedürfnis auf einer sehr tiefen Ebene.
Nicht zuletzt ist das Gefühl, sich dem anderen Menschen zugehörig zu fühlen, etwas Einzigartiges gemeinsam zu erleben, ein weiterer Aspekt, der auf dieses Bedürfnis positiv einwirkt.
Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
Ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich selbst als wertvoll und von anderen geschätzt zu erleben. Den eigenen Selbstwert aktiv zu steigern und sich vor Kränkungen zu bewahren und zu schützen.
Hatten wir bereits ein Paradoxon in einem der Grundbedürfnisse wie Kontrolle und der Aufgabe eben dieser angesprochen, wirkt es beim Selbstwert auf den ersten Blick ebenso. Eine devote Person, die sich ihrem Dom gegenüber unterwirft und damit Praktiken ausgesetzt sieht, die ein Machtgefälle darstellen, wirkt nicht nach Selbstwerterhöhung oder Selbstwertschutz. Kommen noch Elemente aus den Spielbereichen der Erniedrigung hinzu, wirkt es noch unverständlicher, wie das Ausleben der devoten Rolle dieses Grundbedürfnis stillen kann. Auch hier hilft ein tieferer Blick in die Dynamik einer solchen Beziehung, die ein Machtgefälle ausdrücklich inkludieren möchte.
Nichts in einer D/S-Dynamik erfolgt ohne Resonanz. Und genau darin liegt der Schlüssel. Eine devote Person kann durch die Art, wie sie sich dieser Rolle hingibt, als besonders begehrenswert erlebt werden. Mit ihrem Stolz und der Hingabe belohnt sie nicht nur ihren Dom, sondern vor allem auch sich selbst. Eine Unterwerfung kann mit äußerster Hingabe, Würde und Anmut einhergehen, die möglicherweise sogar die Ausstrahlung im privaten Umfeld bei Weitem übertrifft. Zudem wird sie von ihrem Partner die entsprechende Anerkennung für ihre Hingabe erhalten.
Lustgewinn und Unlustvermeidung
Das offensichtlichste Bedürfnis, gerade im sexuellen Kontext, ist der Lustgewinn im Rahmen der ausgelebten Rolle. Wir Menschen streben nach positiven und erfreulichen Erfahrungen und der Vermeidung von Schmerz oder Leid. Unser Körper reagiert und belohnt uns mit entsprechenden Botenstoffen und Hormonen wie Dopamin, Endorphinen, Serotonin und Oxytocin. Dieses System motiviert uns, treibt uns an und sorgt letztlich für Wohlbefinden.
Der Hauptakteur ist hier sicherlich das Dopamin. Es wird ausgeschüttet, wenn wir ein Ziel erreichen oder uns auf eine Belohnung freuen, wie bei der klassischen Vorfreude. Es treibt uns an, aktiv zu werden und Dinge zu wiederholen, die sich gut anfühlen.
Die Endorphine sind unsere körpereigenen Opiate. Sie werden bei starken Anstrengungen, wie intensivem Sport oder auch beim Lachen, freigesetzt. Neben dem erzeugten Gefühl von Euphorie oder der tiefen Entspannung nach einer Anstrengung haben sie zudem einen schmerzstillenden Effekt.
Serotonin wird umgangssprachlich als das Gute-Laune-Hormon bezeichnet. Es reguliert unsere Stimmung und sorgt für Ausgeglichenheit, inneren Frieden und ein stabiles Wohlbefinden.
Oxytocin ist ein wichtiges Bindungshormon. Es wird bei sozialem Kontakt, Nähe und Berührungen ausgeschüttet. Manchem ist es als Kuschel-Hormon bekannt, das auch bei der Kuschelzeit mit dem eigenen Haustier ausgeschüttet wird. Es sorgt für ein Gefühl von Sicherheit und sozialer Geborgenheit.
Mit der kurzen Aufzählung dieser körpereigenen Stoffe wird schnell deutlich, wie stark das Ausleben eigener Vorlieben, wie zum Beispiel der eigenen Devotion, auf uns selbst wirken kann.
Die devote Person erlebt körperliche und emotionale Stimulation, Spannung durch Nichtwissen, was passieren wird, Erregung und spielerisches Ausprobieren am Rand der eigenen Grenzen … und manchmal etwas darüber hinaus.
Eine sprachliche Unsauberkeit müssen wir jedoch noch klären. Die Begriffe Devotion und Submission werden nicht selten als Synonym füreinander verwendet, doch sprachlich sowie inhaltlich ist dies nicht korrekt. Und eine Person, die sich eher dem einen statt dem anderen verschrieben hat, wird schnell den Unterschied deutlich machen. Submissive Personen möchten sich unterwerfen und unterordnen, während Devotion mit einer tiefen Hingabe verbunden ist. Diese Hingabe erfolgt aus freien Stücken und benötigt weder Zwang noch Maßregelung.