Begegnung
Ein Paar. Ein kleiner Raum. Seile. Im Hintergrund läuft leise Musik.
Es beginnt mit einer Begegnung. Jetzt ist der Augenblick, auf den die nachfolgenden Stunden aufbauen. Noch bevor zum ersten Seil gegriffen wird, sitzt das Paar sich gegenüber. Beinahe verstohlen werden Blicke ausgetauscht. Er schaut sie direkt an. Fokussiert sie liebevoll mit seinen Augen. In seinem Gesicht erkennt man die Fürsorge für seine Partnerin. Immer wieder schaut sie nur kurz zu ihm hoch, ein Lächeln ist auf ihrem Gesicht zu erkennen, nur um dann die Augen wieder zu schließen und ihren Kopf zu senken.
Er berührt sie mit seiner Hand, behutsam, liebevoll. Sie lächelt, während ihre Augen geschlossen bleiben. Sie neigt ihren Kopf in seine Hand, sucht den Kontakt zu ihm. Beinahe nebensächlich hat er sein Bein über ihres gelegt. Ein Vorgeschmack auf die Fixierung, die folgen wird.
Was wie eine kurze gemeinsame Meditation anmutet, ist eine innere Vorbereitung. Ein mentales und emotionales Einstellen auf das Shibari. Es ist sicherlich möglich, direkt mit den Fesselungen zu beginnen, doch hinter all dem liegt eine Philosophie. Es ist seine und ihre Art des Shibaris, welche die Emotionen, das Miteinander, in den Vordergrund rückt. Die Seile sind nur ein Medium, über welches sie miteinander kommunizieren. Seine Hand führt das Seil. Exakt so, wie es seine Finger auf ihrer Haut tun würden. Jede Bewegung ist präzise, jede Berührung hinterlässt ein Schimmern auf ihrem Körper, das sie weiter in ihre innere Fokussierung führt.
In dieser anfänglichen Phase wird deutlich, dass Shibari nicht nur für eine spezielle Gruppe von Menschen aus einer Szene ist. Die Art der gefühlvollen Interaktion miteinander eignet sich auch für jedes andere Paar, welches Intimität miteinander teilen möchte. Das Seil ist eine Berührung, aufgeladen mit der Energie des Seilführenden. Auf eine vollkommen andere Weise lernt man seinen Liebsten neu kennen und entdecken.
Die wichtigste Bedingung für zwei Menschen, die sich mit und über das Seil (neu) begegnen möchten, ist Vertrauen.