Enge
Es ist der einzige Ort, an dem ich Ruhe finden kann. Ruhe vor meinen eigenen Gedanken. Ruhe von allen Sinneseindrücken, die auf mich einprasseln. Menschen machen sich kein Bild davon, wie es ist, ohne einen Wahrnehmungsfilter alles in sich aufnehmen zu müssen. Eindrücke aller Art prasseln auf einen nieder. Geräusche, Bilder, Gerüche, Emotionen – ein lautes Meer, dessen Wellen mich gnadenlos erfassen und unter sich begraben.
Er erkannte sofort, wie sehr mich die Welt überfordert. Wie schnell ich eine Auszeit von ihr brauche, um meinen Kopf zu leeren. Es brauchte Vertrauen, um mich seiner Methode, diesen Zustand zu erreichen, vollends hingeben zu können. Die ersten Male war es sogar noch lauter in meinem Kopf, doch mit der Zeit gab mir dieser Ort die nötige Ruhe, die ich herbeisehnte.
In unserem Wohnzimmer stand, auf einem extra dafür vorgefertigten Gestell, ein gepolstertes Brett. Es hatte die Länge und Breite meines Körpers, eine selbstgemachte Anfertigung. Mir war nicht bewusst, wie viele Stunden er verbrachte, dieses Handwerksstück für mich anzufertigen. Es war für den einen Zweck gemacht worden. Der Ort, an dem ich abtauchen konnte, um wieder Luft zum Atmen zu bekommen.
Nackt stand ich vor ihm, nickte und legte mich mit dem Rücken auf mein gepolstertes Brett. Zuerst legte er mir meine Maske an. Sie bestand aus Leder, das meinen gesamten Kopf umschloss und durch mehrere Riemen an ihm befestigt wurde. An den Innenseiten waren Polster angebracht, die meine Sinne betäubten. Sowohl an meinen Ohren als auch an meinen Augen sorgten diese Polster für ein angenehmes Tragegefühl mit dem Effekt, nichts mehr hören oder gar sehen zu können. Der Riemen an meinem Hals sorgte schlussendlich dafür, dass ein Verrutschen unmöglich wurde.
Selbst nach so vielen Malen war es immer wieder aufregend, dort zu liegen und die nächsten Schritte abwarten zu müssen. Wie in einer Starre, meine Gliedmaßen eng aneinandergepresst, lag ich vor ihm. Während ich noch gebannt darauf wartete, was er als Nächstes tun würde, spürte ich die straffe Folie auf meiner nackten Haut. Die ersten Wickelungen pressten die Folie gegen meine Haut. Immer wieder dreht er mit der Folie seine Runden um das Brett, auf dem mein Körper liegt. Unzählige Male wandert die Folie um meinen Körper. Mit jeder Wickelung spüre ich die immer stärker werdende Enge. Schon nach wenigen Augenblicken bin ich nicht mehr in der Lage, meine Arme zu bewegen. Gleiches passiert Minuten später auch mit meinen Beinen. Die Folie drückt mich eng an das Brett, erlaubt keinerlei Spielraum oder auch nur annähernd so etwas wie Bewegungsfreiheit. Etwas Paradoxes passiert. Je enger der Druck auf mich und meinen Körper wird, umso freier fühle ich mich. Mir bleibt keinerlei Möglichkeit, etwas anderes zu tun, als in dieser Position auszuharren. Aus meinem Kopf entschwinden die Gedanken. Ich spüre, wie eine tonnenschwere Last meinen Körper verlässt. Ich bin unfähig, etwas tun zu können, und damit sind meine Gedanken, Entscheidungen treffen zu müssen, obsolet. Sie verpuffen augenblicklich wie Seifenblasen. Die Schwere, die mich zuvor noch belastet hat, wird leichter. So leicht, dass ich bisweilen glaube zu entschweben.
Der nächste Schritt auf meiner kleinen Reise zu mir selbst ist das Umwickeln und Festziehen der dicken Ledergurte. Mit einem Abstand von je ein bis zwei Zentimetern zieht er die Gurte fest um meinen Körper. Das Engegefühl wird dadurch noch einmal verstärkt. Es sind etwa fünfzehn dieser Gurte, die mich an das Brett, tief in das Polster hinein, drücken. Unerbittlich, unnachgiebig und doch schenken sie mir Geborgenheit. Jeder einzelne dieser Gurte bringt mich meinem inneren Frieden ein weiteres Stück näher.
Er sagte mir einmal, dass diese Prozedur für ihn körperliche Anstrengung bedeutet. Während ich entspannt liege und es einer Meditation gleichkommt, strengt er sich unter Einsatz seiner Kraft an, um die Wickelungen von Folie und Gürteln so eng wie möglich zu machen. Irgendwann ist es geschafft. Ich bekomme davon schon nichts mehr mit. Habe ich am Anfang noch versucht, auf jede Bewegung oder dumpfe Berührung zu achten, entschwindet meine Aufmerksamkeit in dem Moment, in dem mir die Maske angelegt wird.
Ich erwähnte bereits, dass es bei den ersten Malen sogar lauter in meinem Kopf wurde. Vermutlich kennt dies jeder, der mal versucht hat zu meditieren. Man schließt die Augen, versucht, an nichts mehr zu denken, doch dies erscheint unmöglich. Die Gedanken kreisen, verwirbeln ineinander wie ein Tornado und rasen durch den eigenen Geist. Erst mit der Zeit beginnt man, sich nur auf die Atmung zu konzentrieren, loslassen zu lernen – und dann ist es endlich so weit. Stille.