Bindung
Wer es nur ein einziges Mal erlebt hat, damit in Kontakt getreten ist, möchte es nicht mehr missen. Die Rede ist von der als intensiv erlebten Bindung zwischen zwei Menschen, die sich miteinander in die Seile begeben.
Shibari und auch Bondage im Allgemeinen sind weit mehr als nur das bloße Fesseln und Fixieren eines Menschen. Es beeinflusst sowohl den Körper als auch die Psyche und wirkt direkt auf das menschliche Nervensystem. Unter den richtigen Bedingungen kann es zur Entspannung führen, das Vertrauen zweier Menschen ineinander vertiefen und die eigene Körperwahrnehmung intensivieren und oftmals neu erlebbar machen.
Ein Mechanismus, der dabei im Hintergrund abläuft, ist die Aktivierung des parasympathischen Nervensystems, welches für Entspannung, Erholung und Ruhe verantwortlich ist. Durch die bewusste Einschränkung der Bewegungsfreiheit richtet sich die Aufmerksamkeit deutlich stärker auf den eigenen Körper und die damit verbundenen unmittelbaren Sinneseindrücke. Gleichzeitig können Stressreaktionen abnehmen, während Botenstoffe wie Oxytocin ausgeschüttet werden. Jenes Oxytocin ist ursächlich für das Empfinden einer starken emotionalen Nähe und unterstützt den Vertrauens- und Bindungsaufbau.
Auf neurologischer Ebene berichten Studien, dass Bondage und Shibari einen Flow-Zustand begünstigen. In diesem Zustand tritt die Wahrnehmung der Außenwelt in den Hintergrund, während sich die Konzentration vollständig auf den gegenwärtigen Moment richtet. Viele Menschen erleben dies als eine Form tiefer Entspannung, vergleichbar mit einem Zustand meditativer Versenkung. Die bewusste Hingabe innerhalb einer vertrauensvollen Umgebung und eines entsprechenden Rahmens fördert zusätzlich eine emotionale Sicherheit.
Das Oxytocin, welches auch herkömmlich als Bindungshormon bezeichnet wird, unterstützt unser Gehirn dabei, Situationen für uns als ungefährlich einzustufen. In einem sicheren Rahmen, in dem wir uns in die Seile begeben und bewusst Vertrauen zu einem anderen Menschen gefasst haben, führt es uns in einen Zustand von Ruhe und Vertrauen. Die gefesselte Person empfindet das Gefühl, Verantwortung für einen Moment vollständig abgeben zu dürfen und zu können. Dieses Erleben wiederum begünstigt zusätzlich die Ausschüttung von Oxytocin.
Was mit der bewussten Entscheidung beginnt, jemandem zu vertrauen, verstärkt das Hormon im weiteren Verlauf und festigt dieses. Es entsteht eine positive, sich selbst verstärkende Rückkopplung. Entgegengebrachtes Vertrauen ermöglicht die Hingabe. Hingabe fördert die körperliche Ausschüttung von Oxytocin, und dieses wiederum stärkt das Vertrauen. Es ist diese Dynamik, die dazu beiträgt, dass sich Partner über mehrere Sessions hinweg emotional immer tiefer miteinander verbunden und zueinander hingezogen fühlen.
Hinter der biochemischen Magie stecken neben der psychischen Komponente auch noch die physischen Aspekte. Ein Seil hinterlässt Spuren, und diese stammen von Berührungen. Bereits sanfte Berührungen wie das Streichen mit den Fingern über den Körper oder eben das sanfte Führen des Seils über die Haut setzen unser Bindungshormon frei. Im Shibari entsteht daher eine Kombination aus langsamem Führen des Seils, bewussten Berührungen, Blickkontakt, ruhiger Stimme und kontrollierter Atmung. Diese Vielzahl an sozialen Signalen wird von unserem Gehirn als eine intensive Form zwischenmenschlicher Zuwendung verarbeitet und bewertet. Neben der Hormonausschüttung erleben wir das Gefühl, gesehen und angenommen zu werden.
Oxytocin ist im Shibari weit mehr als ein „Kuschelhormon“. Es beeinflusst Vertrauen, emotionale Bindung, Stressregulation, soziale Wahrnehmung und die gemeinsame Regulation des Nervensystems. In einem sicheren und konsensuellen Rahmen kann Bondage dadurch zu einer Erfahrung werden, die weit über die körperliche Ebene hinausgeht und das Gefühl von Verbundenheit nachhaltig vertieft. Gleichzeitig ist die Wirkung individuell und hängt wesentlich von der Qualität der Beziehung, dem gegenseitigen Vertrauen und den bisherigen Bindungserfahrungen beider Menschen ab.