Blick durch die Kamera
Eine Fotografie muss nicht zwangsläufig den Anspruch haben, die Realität einzufangen und abzubilden. Jeder Fotograf oder besser jeder Mensch, der eine Kamera bedient, durch den Sucher blickt und einen Ausschnitt wählt, fängt etwas ein, was andere nicht zu sehen vermögen. Ein Spiegelbild der eigenen Wahrnehmung und damit eine Imitation der Realität.
Darin liegt die Faszination von Bildern. Wir entdecken durch die Augen eines anderen Menschen die Welt. In Ausschnitten wird uns eine Geschichte gezeigt, die wir in jedem Foto neu entdecken können. Somit wird jede Fotografie zu einem einzigartigen Kunstwerk.
Die Kamera ist dabei mehr als nur ein Werkzeug. Sie verändert die Art, wie wir einer Situation begegnen, wie wir etwas sehen und wahrnehmen. Bereits 1977 beschrieb Susan Sontag in ihrem Werk „On Photography“ einen Gedanken, der bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat: Fotografieren schafft Distanz. Die Kamera wird zu einer Art Schutzschild, einem Schlüsselloch, durch das wir blicken und die Welt ansehen, ohne selbst gesehen zu werden. Was wir durch den Sucher betrachten, erscheint geordnet, kontrollierbar zu sein, reduziert auf eine rechteckige Fläche.
Wer fotografiert, nimmt teil und bleibt gleichzeitig außen vor. Ausnahmen bilden Fotos, in denen der Fotograf selbst erscheint, durch Spiegelungen oder das Zeigen eigener Körperteile.
Während andere einen Moment erleben und Teil einer Szenerie sind, beobachtet der Fotograf. Der Blick wird konzentriert und damit auch selektiv. Aus einem Geschehen entsteht ein Bildausschnitt. Aus einer Begegnung wird eine Komposition.
Sobald wir einen Menschen fotografieren, verändern wir seine Rolle. Aus einem Menschen mit Gedanken, Erinnerungen und Widersprüchen wird ein Motiv. Der Blick richtet sich auf Licht, Linien, Schatten, Farben, Gesten, Ausdruck. Die Fotografie macht sichtbar, setzt Akzente und vereinfacht zugleich.
Nicht jede Situation mit einer Kamera trennt uns. Manche werden zu einer Einladung. Wo Vertrauen entstanden ist, können Menschen gesehen und nicht nur betrachtet werden. Hier beginnt anspruchsvolle Fotografie, wenn Technik und Know-how in den Hintergrund treten und der Mensch mit seinen Facetten in den Vordergrund drängt. Ein gutes Bild entsteht nicht zwangsläufig allein im Moment des Auslösens. Es beginnt lange zuvor – in einer Entscheidung, wie wir einem Menschen begegnen wollen. Womöglich liegt hier der eigentliche Unterschied zwischen einem Foto, das zeigt, und einem Bild, das berührt.
Die Kamera wird immer Abstand schaffen. Doch wir entscheiden, ob dieser Abstand zu einer Barriere wird oder zu einem Raum, in dem eine echte Begegnung möglich wird.