Monochrome Ästhetik
Der technische Fortschritt schreitet unaufhaltsam voran. Heute kann man sich für wenige tausend Euro eine Digitalkamera kaufen, die gestochen scharfe Bilder produziert. Selbst die meisten Smartphones können heute eine Leistung abrufen, die noch vor 10 Jahren unvorstellbar war. Mit wenigen Klicks ist das gemachte Foto bearbeitet und ins Netz gestellt. Egal, welche Social-Media-Plattform – sie alle ermöglichen das Verbreiten selbsterstellter Fotografien in nur wenigen Sekunden. Ein Massenmarkt, um sich selbst ein wenig Geltung in einer schnelllebigen und immer digitaler werdenden Welt zu verschaffen.
Wir werden mit diesen Bildern überflutet. Schneller Konsum statt bewusstes Ansehen und Entdecken. Ständiges Scrollen mit dem unterbewussten Gedanken, etwas Spannendes verpassen zu können. Die Entscheidung, ob ein Bild gefällt, ist in nur Bruchteilen von Sekunden getroffen. Ein Klick, ein Like, nächstes Bild.
Mit der persönlichen Ablehnung dieser Plattformen kam eine Erkenntnis. In der Masse an visuellen Eindrücken war ich bereits nach kurzer Zeit nicht mehr in der Lage zu sagen, welche Bilder ich mir zuletzt angesehen hatte. Was war das Motiv? Wie war die Stimmung? Waren dort auffällige Farben? Eine interessante Bildkomposition? Ich selbst, der die Fotografie schätzt, propagiert, sich Zeit für die Kunst zu nehmen, auf Entdeckungsreise zu gehen, hatte genau diesen Anspruch verloren und war gefangen im ewigen Scrollen und Liken. Dazu kamen weitere Beobachtungen. Immer mehr dieser Bilder wurden mit Hilfe von KI erstellt oder bearbeitet. Man fand den immer gleichen Look auf diversen Profilen. Gleiches galt für Fotografen, die ihre Bilder auf Hochglanz polierten, um sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dieser Look ist glatt, clean, die Farben poppen hervor, springen einen förmlich an – doch sie hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Sie wirken, wie die Plattform, auf der sie veröffentlicht wurden: clean, digital, ohne Fehler, nahezu perfekt in einem unschönen Wortsinn. Es fehlt ihnen am Menschlichen, an Unschärfe, an Charakter, an Ecken und Kanten. Es fehlt ihnen an Interessantem, etwas, das es zu entdecken gibt.
Diese Beobachtungen verstärkten den Wunsch, Fotos zu machen, die den Betrachter an sich ziehen und nicht loslassen wollen. Die Vorteile der High-End-Kamera, gestochen scharfe Bilder abzuliefern, wurden in meiner Nachbearbeitung sukzessive zurückgedreht und in einen Look umgekehrt, der an die analoge Zeit erinnern soll. Es mag paradox klingen, doch wollte ich immer diese Schärfe in den Bildern haben, die ich selbst so weit herunterdrehe, bis mich der Look des Bildes in meinem Inneren anspricht. Ich wollte das Beste aus beiden Welten: scharfe Bilder und eine an das Analoge angelehnte Nachbearbeitung. Inspiriert von den alten Filmen wie beispielsweise Ilford HP5 Plus 400 habe ich mich an die Bearbeitung herangetastet. Ein klassischer Schwarzweiß-Negativfilm, bekannt für seine Vielseitigkeit und ein Allrounder in der analogen Fotografie.
Es gibt Schwarzweiß-Aufnahmen, die ein brutales Kontrastverhältnis haben. Fotografen, die es darauf abzielen, die harten Übergänge von satten Schwarz- und sehr hellen Weißtönen herauszuarbeiten – „Paint it dark“.
So sehr mich dieser Look auch anspricht, es ist nicht meine Bildsprache. Diese lebt von anderen Eigenschaften. Tendenziell bevorzuge ich mittlere Kontraste, die ein ausgewogenes und harmonisches Bild produzieren. Insbesondere, wenn es um das Porträtieren von Menschen geht. Dies führt, wie im Fall des Ilford-Films, zu exzellenten Graustufen. Fotos wirken sanfter, zeitloser. Natürlich darf auch das Korn nicht fehlen. Ein sichtbares, aber charmantes und in Teilen sogar beruhigend wirkendes Korn veredelt die Bilder. Trotz des Korns bleibt die Schärfe in der Detailzeichnung weitestgehend erhalten. Dies wird schnell durch den Blick auf Haare und ihre Struktur sichtbar. Diese Kombination aus analogem Film und digitaler Schärfe lässt mich beim Anblick der Fotos in sie versinken. In jedem Bild gibt es immer noch etwas zu entdecken. Die weichen Übergänge in den Graustufen, die unterschiedlichen Schattierungen, gepaart mit dem Korn, wirken beinahe hypnotisch. Jedes Foto erscheint wie ein zeitloser Klassiker. Ein Ort der Ruhe und Ausgewogenheit inmitten digitaler Unruhe und Reizüberflutung.